Paris ist so weit weg
Karen ging zu einem Konzert eines Sängers, von dem sie nur wußte das er der „größte“ Lyriker und Songwriter seiner Zeit ist. Liebe, alles dreht sich um die Liebe bei Morrissey und so sagt sie sich, dass muss ich mir nach dem Scheiß der letzten Wochen einfach geben. Sie fragt ihre Freundin Karo, ob sie sie nicht begleiten wolle und Karo sagt zu.
Es ist der 12. Juni 2009. Karen ist gespannt auf das was da heute Abend in der Columbiahalle abgehen soll. Klar hat sie sich das neue Album von Morrissey „Years of Refusal“ gekauft und ja, was sie sich da kaufte gefällt ihr auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Die Musik ist anders, oft getragen von schweren Tönen und einer markanten Stimme. Doch noch mehr ist sie von der Wucht der Texte beeindruckt. Vor allem ein Song aus dem aktuellen Album fasziniert Karen, denn es kam ihr vor, als wäre genau dieser Song für sie geschrieben. „I´m Throwing My Arms Around Paris“ handelt davon, dass niemand Morrissey Liebe will und nur Steine und Stahl seine Liebe akzeptieren würden.
Genau das war die Situation in der sich auch Karen befand. Von der Liebe verraten und betrogen glaubt sie in zahlreichen Momenten auch nicht mehr an die wahre Liebe. Jedenfalls schien es so, als gebe es keine real existierende Person, die zur wahren und konsequenten Liebe fähig wäre. Betrug und Verlogenheit lauerten gerade in der Liebe.
Karens Gedanken schweiften wieder ab und machten sie traurig. Karo würde bald kommen, weshalb sie sich Karen schnell fertig machte. Sie wollte sich nicht rausputzen. Einfach gute Musik genießen von jemanden, der scheinbar wusste was wahre Liebe ist. Es klingelte und Karo stand vor der Tür. Sie umarmten sich und innerlich freute sie sich auf den bevorstehenden Abend.
Schnell gings in die Halle. Viele Leute waren da. Vor allem aber auch Männer, die scheinbar genau das selbe in Morrissey sahen wie Karen. Gab es etwa doch Menschen, die noch an wahre Liebe glaubten und teils auch verzweifelt danach suchten? Der Aufgalopp vor der Halle jedenfalls war vielversprechend. Die Stimmung schien auch nicht typisch Konzert zu sein. Es ging ruhiger ab und doch spürte man eine tiefe Erwartung bei fast allen hier.
Ihr viel ein Junge auf, der auch einige Male rüberblickte. Er lächelte süß und schwuppdiwupp war er im Getümmel auch schon verschwunden. Karo schnappte Karen und schleifte sie ebenfalls durch die Massen. Karen drehte sich nochmals um doch leider war es bei dem einen Blick geblieben.
Sie gingen in die Halle und sie bemerkte, wie Karo ihr Lästermaul in Schwung brachte und sich über diesen und jenen lustig machte. Karo war wahrscheinlich nur wegen Karen mitgekommen und irgendwie bereute sie das jetzt.
Als das Konzert begann waren Karo und Karen etwas weiter hinten in der Halle. Karo war es scheinbar egal ob sie Morrissey sah oder nicht. Sie kannte ihn nicht und hatte sich auch nicht mir der Vorgeschichte von Morrissey und vor allem mit seinen Songs beschäftigt. Karen jedoch hielt nichts und sie musste näher ran an den Mann, für den der Begriff Liebe mehr zu sein schien als ein belangloses Wort in einem umfangreichen Wortschatz.
Karo schien es egal zu sein, dass Karen sich von ihr löste und sich den Weg durch die Massen bahnte. Morrissey sang „How Soon Is Now“ als Karen fast vorne angelangt war. Plötzlich berührte sie eine Hand auf der Schulter. Karen ignorierte diese erst, doch ein zweiter kleiner Stups animierte sie dazu sich umzudrehen. Da war es wieder, das Lächeln was sie vorhin gestreift hatte. Karen erwiderte das Lächeln und blieb stehen. Gab es so etwas? Ein Blick und die Zeit scheint still zu stehen.
„Hi, ich bin Marko.“ schien er zu schreien doch Karen hörte es als wäre ein Hauch zu ihr rüber geweht. „Karen“ mehr brachte sie nicht heraus. Marko sang leise, aber mit völliger Hingabe mit und Karen sah ihn nur an und wünschte sich einfach nur einen schönen langen Abend mit ihm.
Dann kam Karens Lied, doch Paris schien genau in diesem Moment so weit entfernt.