Ich bin Irma und sicherlich für Euch kaum vorstellbar, aber ich liebe die Dunkelheit. Der Tag, das Licht ist für mich purer Horror, denn am Tage kann jeder mein wahres Ich sehen. Mein Ich, was ist es eigentlich?
Ich bin kein Mensch, wie ihr ihn Euch sicherlich vorstellt. Nur in der Dunkelheit, wenn kein Sonnenstrahl die Erde kitzelt, dann bin ich. Nachts erwache ich und mit mir meine Seele. Nein, ich bin keine Horrorfigur, sondern ein Mädchen wie Du und ich, oder etwa doch nicht?
Es ist Freitag und ich freue mich auf die bevorstehende Nacht. Ich mache mich fertig und kleide mich so wie ich mich fühle. Keine langweilige Jeans, Ballerinas und T-Shirt. Nein, ich bin im Bad und durchlaufe mein Ritual, meine Verwandlung, meine Neugeburt.
Meine Haare habe ich am Nachmittag wieder nachgetönt, denn ich finde, dass sie Schwarz sein müssen. Einfach nur Schwarz und glänzend. Ich liebe es, wenn sich das nächtliche Licht der Straßenbeleuchtung in meinen Haaren widerspiegelt. Ja, schwarze Haare sind cool und geben mir Sicherheit.
Nun kommen meine Augenlider dran. Natürlich versinken diese auch in Schwarz genau wie meine schön gezupften Augenbrauen. Nun noch meine Lippen. Die Farbe könnt ihr sicherlich selbst erraten.
Im Hintergrund läuft Musik, die so manchen die Magengrube umdrehen würde. Melancholie ist schön und erzählt von der Liebe, doch die Liebe kann auch brutal zuschlagen. Und genau das macht meine Bands so einmalig schön. Nein, ich bin kein Gothik oder Gruftie, aber ich kann nicht leugnen, das ich auf bestimmte Dinge, die der Szene ihren Ruf einbrachten, echt stehe.
Zum einen sind da die Klamotten, aber eben auch die Musik. Doch meine Lebenseinstellung hat nichts mit Tod und Verderben zu tun, sondern mit Leben und Liebe. Aber ich glaube auch, dass die Normalen wie Du da draußen ja genau diese Klischees mit Gothik verbinden. Was sieht man daran? Ihr habt die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Zuneigung und Leben nicht erkannt.
Klar, mein Aussehen wird nicht nur vom Schminktisch bestimmt, sondern auch und vor allem durch meine Klamotten. Jetzt denkt ihr sicherlich an Tüll, schwarze Strümpfe, Ketten oder auch irgendwas Glänzendes, aber da habt ihr euch geschnitten, denn ich denke, jeder Mensch sollte trotzdem einen eigenen Stil pflegen und genau dieser macht einen Menschen aus. Also, wo soll ich anfangen?
Mein Gesicht, meine Haare sind Schwarz. Und auch der Rest meiner Kleidung ist Schwarz, jedoch nicht typisch Gothik. Heute beispielsweise habe ich schwarze Dessous an. Ja, ich fühle mich wohl darin. Davon bekommt aber niemand etwas zu sehen, versprochen.
Dann folgt eine Bluse, die ich selbst geschneidert habe. Keine Rüschen oder glitzernde Accessoires verunstalten sie. Ein glatter Schnitt, einfach, aber in der Taille enger werdend. Klar, ich habe eine gute Figur und die möchte ich damit zum Ausdruck bringen. Und logischerweise kleidet meinen Knackarsch ein schöner Rock, Farbe Schwarz.
Schon fertig, wenn man die Docs noch hinzuzählt, die meinen doch relativ kleinen Füßen scheinbar übermäßige Ausmaße bescheren.
Im Moment ist es ja warm, doch zum Glück kommt abends und nachts die wohlige Kühle zurück, die ich so anschmiegsam und schön finde. Dann trage ich meine Lederjacke und bin endlich ich. Im MP3-Player läuft Nick Cave oder die Erben. Paul und Jacky sind diejenigen, die mich kennen.
Ich fühle mich wie eine Motte. Nachts, bei Dunkelheit lebe ich auf, fliege hinaus in die Welt und habe Großes vor. Am Tage hingegen falte ich meine Flügel zusammen und verkrieche mich in dem grauen Einerlei aus Normalität, Egoismus und menschlicher Kälte.
Ich bin fertig. Noch ein Duft, dem ich verfallen bin und los geht’s. Meine Mutter sitzt wie immer vor der Kiste und lässt sich vom medialen Schwachsinn zuballern. Die Sender versuchen es wie jeden Freitag mit der Komiker-Tour, doch die Witze sind so platt, dass man bei genauem Hinhören die Abstrusität mit der Keule ins Hirn getrommelt bekommt.
Ich sage Bye und bin raus, raus in meine Welt. Weg von Normen, die alles bestimmen in einem Land, dass damit prahlt, sozial und demokratisch zu sein.
Die Nacht ist dunkel und die Dunkelheit verschluckt Dich förmlich. Sie reißt ihren Rachen auf und schon bist du von ihr gefangen. Ich mag es, mich zu geben wie ich bin und nur die Dunkelheit gestattet es mir, mich zu verwandeln und Dinge zu tun, die ich im Licht nie machen würde. Die Kleinstadt verzeiht es einfach nicht, wenn das Kind „normaler“ Eltern aus dem Rahmen fällt. Doch die Nacht bietet Verstecke, Schatten und dunkle Ecken, die Unterschlupf bieten, in die ich mich flüchten kann. Die Dunkelheit bringt aber komischerweise nicht nur mich hervor, sondern auch viele andere, die scheinbar ähnliche Probleme haben.
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